Dienstag, 28. Oktober 2014

Wie Klecksi zum Kraxli wurde ... - aus Storyfeger Gutenachtgeschichten 1



Eine Gutenachtgeschichte von Tanja Alexa Holzer, Wortfeger.ch 

Der kleine Matthias war ein spitzbübischer Junge und so kreativ, wie kaum einer in seiner Klasse. Oft benahm er sich wie ein Gentleman, war charmant und zuvorkommend. Im nächsten Moment hingegen konnte er äusserst ausgefeilte Streiche spielen. Und über die konnte wegen seiner liebenswerten Art kaum jemand wirklich böse sein. Er war überall beliebt, auch bei den Lehrern. Nur etwas mochten seine Lehrer gar nicht: Matthias Schulhefte waren übersät von Klecksen und Durchgestrichenem. Kein anderes Heft sah derart unordentlich aus wie seins. Einmal, als Matthias wieder einen besonders grossen Klecks in sein Heft fallen lies, seufzte seine Lehrerin laut auf: «Nein, schon wieder so ein Klecks! Man könnte meinen, du hast mit denen einen Kaufvertrag geschlossen!» Alle Mitschüler hatten das gehört. Und Thomas, der vorwitzige, doch oft bösartige Junge der Klasse, hänselte Matthias in der Pause prompt: «Klecksi, Klecksi, du bist der Klecksi!»

Matthias lächelte darauf nur charmant und zuckte mit seinen Schultern. Doch hatte er von nun an seinen Spitznamen gefasst. Jetzt war er der Klecksi und wurde auch so gerufen. Matthias grämte sich nicht darüber, es fuchste ihn höchstens ein bisschen. Denn eigentlich gab er sich so sehr Mühe, seine Hefte ordentlicher zu schreiben. Oft verkrampfte er sich richtiggehend beim Schreiben und dann gab es erst recht einen Klecks rein oder er verschrieb sich und musste das Geschriebene durchstreichen. All seine Bemühungen schienen nicht zu fruchten!

Im Sommer machte sich seine Klasse auf zur Schulreise. Wandern war angesagt. Die meisten Kinder mochten das nicht, vor allem die Trägen nörgelten. Matthias war sportlich, er liebte die Natur und verbrachte fast seine ganze Freizeit draussen an der frischen Luft. Als die Schüler nun an diesem strahlenden Tag marschierten, jaulte es plötzlich herzzerreissend von einer hohen Tanne runter. Was war das? Da hatte sich tatsächlich ein kleines Kätzchen bis fast nach ganz oben gewagt und traute sich scheinbar nicht mehr runter! Es jammerte lauthals. Wie sollte es auch anders sein, die Mädchen der Klasse brachen sofort in Entzücken aus und trieften vor Mitleid. «Das arme Kätzchen!», rief Julia, die Sportlichste der Klasse. «Sie wird vielleicht da oben verhungern?», vermutete Martina, die selbst eine kleine Naschkatze war. «Oh, ist die süss, schaut nur!», hörte Matthias nun die Stimme der Schönsten aus der Klasse, von Isabelle. Nein, ach was, vom schönsten Mädchen der ganzen Schule! So, und das reichte nun, dachte Matthias. Er krempelte die Ärmel nach hinten und begann, die Tanne hoch zu klettern. Dabei erwies er sich als so geschickt und flink, dass die Schülerschar unter ihm ganz still wurde vor lauter Staunen. Beim Kätzchen oben angekommen, stellte Matthias seine Füsse auf zwei Äste und griff nach ihm. Doch dieses kleine Biest kratze ihn erstmal fürchterlich, so dass Matthias eine blutige Kampfwunde quer über seine Wange davontrug. Erst dann liess sich das Tierchen doch noch packen und in den Rucksack stecken. Mit der Katze huckepack kletterte Matthias wieder hinab. Unten drückte er der schönen Isabelle das nun überglückliche Kätzchen in die Hände. «Danke, Kraxli, Du bist mein Held», strahlte Isabelle und streichelte über das feine Fell des Tierchens, das friedlich zu schnurren begann.

In diesem Moment verwandelte sich Klecksi in Kraxli. Und das Namensschicksal wendete sich nie wieder. Von jetzt an riefen die Schulkameraden ihn Kraxli. Das gefiel Matthias so sehr, dass er tatsächlich seither kaum noch Kleckse in sein Heft setzte und die wurden fortan wunderbar ordentlich ...

Von Tanja Alexa Holzer sind einige Kinderbücher erschienen wie beispielsweise:
- Schlingel & Schlingelinchen 1: Die Geschichte aller Geschichten
- Schlingel & Schlingelinchen 2: Der grüne Zweifel
- Ägid, der kleine Igel ohne Stacheln